Die Wahlen in Griechenland – ein paar Gedanken

griechenland-SyrizaDer große Überblick, Ein Kommentar von Marshall Gittler (ironfx.com)

Ja, die Wahlen in Griechenland, welche am Sonntag stattgefunden haben, sind ein Ereignis, das noch über die kommenden Monate hinweg seine Auswirkungen auf die Eurozone entfalten wird. Wenn man den Effekt bedenkt, den sie vielleicht auf die Wahlen in anderen Ländern haben werden, so könnten sich diese Wahlen vielleicht als das entscheidende Ereignis für Europa im Jahre 2015 erweisen. Vor allem die starke Verbindung zwischen der griechischen SYRIZA und Spaniens Podemos-Partei, welche sich gestern in der Präsenz des Vorsitzenden von Podemos, Pablo Iglesias, auf dem Podium zusammen mit des Kopfes von SYRIZA, Alexis Tsipras, symbolisch manifestierte (siehe Foto). Der Wahlsieg von SYRIZA könnte vielleicht auch die Popularität der Podemos-Partei in Spanien steigern, was ein sehr viel größeres Problem für die Eurozone darstellen würde als Griechenland. Die nächsten Wahlen in Spanien sind für diesen Herbst angesetzt.

Die Ruhe vor dem Sturm

Der EUR erholte sich gestern ein wenig, was vermutlich an einer Marktreaktion lag, welche man mit dem Spruch „Verkaufe das Gerücht, kaufe die Tatsache“ umschreiben könnte – denn der Wahlsieg von SYRIZA war schließlich zu erwarten. Darüber hinaus hat sich Tsipras im Vorfeld der Wahlen immer weiter in das politische Zentrum bewegt, und die Koalition seiner Partei mit der relativ konservativen Partei der „Unabhängigen Griechen“ trug ein weiteres dazu bei, um die Investoren in Sicherheit zu wiegen. Dennoch glaube ich, dass von dieser Wahl noch weitere Schocks für den Devisenmarkt ausgehen werden. Griechischen Presseberichten zufolge hat die neue Regierung bereits Gesetzesentwürfe vorbereitet, denen zufolge ein Teil der Strukturreformen, welche durch die sogenannte Troika umgesetzt worden waren, wieder zurückgenommen werden sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies den Gläubigern Griechenlands gefallen wird. Diese neue Gesetzgebung könnte Griechenlands Ausgang aus dem fünf Jahre andauernden Notkreditprogramm, welches gegen Ende Februar ausläuft, negativ beeinflussen – und dazu führen, dass die Banken des Landes ohne Liquiditätsreserven dastehen werden. Die griechischen Banken sind abhängig von der EZB, was ihre Finanzierung anbelangt – und die EZB hat bereits davor gewarnt, dass sie ihre Liquiditätsspritzen einstellen werde, falls Griechenland kein neues Übereinkommen mit seinen Gläubigern erzielen sollte.

Auch wenn das Stichwort des Schuldenschnittes die Schlagzeilen dominiert hat, stellt dies nicht das eigentliche Problem dar. Wie die Financial Times gestern schrieb, sind die Laufzeiten bereits jetzt schon recht lang (mit einem Durchschnitt von 16,5 Jahren – was das Doppelte der Laufzeiten von Italien oder Deutschland darstellt) – und Europa ist vielleicht sogar willens, diese Laufzeiten noch weiter zu verlängern. Die beiden Problempunkte, auf die es wirklich ankommt, sind dagegen der fiskalische Ausblick und die unvermeidlichen Strukturreformen. Was den fiskalischen Ausblick anbelangt, so hätte die Regierung eigentlich einen nicht unerheblichen Überschuss vor den Zinszahlungen verzeichnen sollen – aber die Zahlungsmoral der griechischen Steuerzahler ist im Vorfeld der Wahlen zurückgegangen, und jetzt verzeichnet der Staat Griechenland wieder ein großes Defizit. Die erste Frage, welche sich nun stellt, ist die, ob die Regierung wohl willens sein wird, die Steuern weit genug zu erhöhen, um ihre Haushaltsziele zu erreichen – oder ob Brüssel willens sein wird, diese Ziele abzusenken. Was die Strukturreformen anbelangt, so hängt viel davon ab, welche Gesetzesentwürfe der neuen Regierung tatsächlich vom griechischen Parlament verabschiedet werden, und wie Brüssel darauf reagieren wird. Bis jetzt sieht es danach aus, als ob die beiden Seiten sehr weit voneinander entfernt seien.

Das beste denkbare Szenario: Die EU senkt ihre Ziele für Griechenland und verlängert die Kreditlaufzeiten noch weiter. Im Gegenzug verpflichtet sich die griechische Regierung dazu, weitere Strukturreformen umzusetzen. Es wird allerdings schwierig sein, dies mit der politischen Agenda der SYRIZA-Partei zu vereinbaren. Sie könnten es allerdings wenigstens versuchen, und es der Notwendigkeit zuschreiben, die „Unabhängigen Griechen“ in der Koalition zu behalten. Der Euro würde sich dadurch vermutlich temporär stabilisieren, allerdings würde ihn die quantitative Lockerungspolitik seitens der EZB weiterhin unter Druck halten.

Das schlechteste denkbare Szenario: Es kommt zu keinem Übereinkommen. Die Kontrahenten werden bis in den Juli oder August hinein verhandeln – und dann werden 6,7 Milliarden Euro an Krediten fällig werden, woraufhin Griechenland die Staatspleite anmelden müsste. Griechenland setzt daraufhin entweder Kapitalverkehrsbeschränkungen um, oder das Land verlässt die Eurozone. Dies wäre ein Desaster für den EUR.

Das Kompromissszenario: Es wird zwar kein Übereinkommen erzielt, allerdings wird die Staatspleite dennoch irgendwie abgewendet. Im Zuge dessen könnte es entweder zu Neuwahlen kommen, oder wenigstens zu einem Wechsel bei den Mitgliedern der regierenden Koalition. Doch selbst dieses Szenario beinhaltet beträchtliche Risiken für den EUR. Der EUR setzt seinen Abwertungstrend weiter fort, weil die zunehmenden politischen Spannungen, zusammen mit dem Druck, welcher aus der quantitativen Lockerung der EZB resultiert, die Gemeinschaftswährung weiter unter Druck halten.

CHF wertete ab, nachdem die Wahlen in Griechenland wie erwartet ausgegangen waren – oder noch besser ausgedrückt: Es gab einfach weniger Bedarf für sichere Häfen. Der Schweizer Franken könnte sich in den kommenden Wochen allerdings wieder erholen, falls die politischen Spannungen wieder zunehmen sollten.

RUB brach ein, nachdem die US-amerikanische Ratingagentur „Standard & Poor’s“ ihre Kreditwürdigkeitseinstufung von Russland unter jene der Konkurrenz von „Moody’s“ und „Fitch“ abgesenkt hatte, welche Russland bereits auf der untersten Stufe der zur Kapitalanlage geeigneten Staatsanleihen eingeordnet hatten – und darüber hinaus angekündigt hatten, dass sie Russland vielleicht bald noch weiter abstufen würden. Die wiederaufflammenden Kämpfe in der Ukraine und die Gerüchte über weitere Sanktionen gegen Russland taten ein Übriges, um den Rubel zu drücken.

Die Höhepunkte des heutigen Tages: Die erste Schätzung des britischen BP im Q4 soll zeigen, dass sich das Wirtschaftswachstum gegenüber dem Q3 gesteigert hat. Vor dem Hintergrund der schwachen Industrieproduktionszahlen in den Monaten Oktober und November wären wir nicht überrascht, falls die Wachstumsrate unterhalb der Konsensprognose ausfallen sollte. Zusammen mit der fallenden Inflationsrate könnte eine Enttäuschung bei der Wachstumszahl den Markt in seiner Auffassung bestärken, dass die erste Leitzinserhöhung wohl nicht vor den im Mai anstehenden Wahlen erfolgen dürfte. Dies wird die Rate von GBP/USD vermutlich weiterhin unter Druck halten.